DIE TRACHINIERINNEN von Sophokles

Deianeira hat das für die Frau der Antike übliche Schicksal erfahren. Auf die Wahl ihres Lebenspartners hat sie keinen Einfluss gehabt. Von den beiden Bewerbern, die sich um sie im Zweikampf maßen, hat sie aufatmend den Herakles als Sieger und Gatten empfangen, nicht weil sie ihn liebte, sondern weil der Verlierer des Kampfes, Acheloos, sie mit Abscheu und Schrecken erfüllte. Ihre Ehe ist nicht als glücklich, wohl aber als erträglich zu bezeichnen. Ihre Aufgaben als Herrin des Hauses und als Betreuerin und Erzieherin ihrer Kinder erfüllt sie pflichtgetreu. Diese Pflicht fesselt sie auch an den Gatten und lässt sie Verantwortung für ihn mitempfinden, wenn sie sich auch keineswegs durch eine tiefe Neigung an ihn gebunden fühlt. Letztere kann schon deshalb nicht entstehen, weil der Held jeweils nur für kurze Frist zu Hause weilt. Die gefahrvollen Aufgaben, die seiner harren, halten ihn die längste Zeit in der Fremde. Von den Liebesabenteuern des Helden erhält sie Nachricht, nimmt sie jedoch gelassen hin. Sie hat ihren unbestrittenen Wirkungsbereich fürstlichen Ranges und kann, umgeben von einer treu ergebenen Dienerschaft, im Gedankeaustausch mit Freundinnen aus Trachis, mit ihrem Los zufrieden sein. Lediglich die Angst um den in der Ferne weilenden Gatten quält sie unaufhörlich. Sie weiß um ihre soziale Abhängigkeit und muss für den Fall, dass er in einem der ihm aufgetragenen Kämpfe den Tod erleidet, mit schweren Nachteilen rechnen. Ein von ihm hinterlassenes Testament, das zwar ihren Besitzstand sichert, aber eine drohende Voraussage enthält, flößt ihr besondere Befürchtungen ein. Aber das Leid, dem sie erliegen soll, ist anderer Natur. Zum ersten Male in lange schon währender Ehe sieht sie sich vor die Tatsache gestellt, dass ihr Gatte eine Geliebte mit in sein Haus bringt. Unter einem Dach soll sie mit der jungen und schönen Iole künftig leben, ihre Rechte als Gattin mit der anderen teilen. Ihr Stolz und ihre Würde bäumen sich gegen die ihr zugewiesene Rolle auf. In ihrer Not greift sie, die Ehrliche, jedem Trug, jedem zweifelhaften Mittel Abgeneigte, zu jenem vermeintlichen Liebeszauber, den der Kentaur Nessos ihr einst als Werkzeug seiner Rache überreichte. Der Versuch, sich der Neigung des Gatten weiterhin zu versichern, scheitert, er führt in die Katastrophe: Herakles stirbt unter furchtbaren Qualen; die Mörderin wider Willen gibt sich selbst den Tod.

Bühne Damian Hitz, Kostüme Marysol del Castillo, Musik Patrik Zeller, Video Timo Amling, Licht Helmut Bolik, Dramaturgie Stephanie Gräve

Deianeira Tatjana Pasztor, Herakles Bernd Braun, Hyllos Jonas Gruber, Iole Nina Tomczak, Lichas Hendrik Richter, Amme Tanja von Oertzen, Diener Rolf Mautz

Premiere 17. Dezember 2005 am Theater Bonn

Fotos von Lilian Szokody

„Berk gehört zu einer Generation junger Theatermacher, die erzählen und berühren wollen. Die langen Jammermonologe des Herakles wirken in Berks Bonner Inszenierung absolut authentisch. Der Schauspieler Bernd Braun sitzt mit nacktem, massigem Oberkörper sehr lange mit dem Rücken zum Publikum und murmelt seine Verzweiflung in ein Mikroport. Die Füße hängen in einem dunklen Fluss, über seinem Kopf hängt das Portal des Zerberus, einige Meter weiter wartet ein Kahn auf die Abfahrt. Die Bühne von Damian Hitz zitiert bekannte Motive der antiken Unterwelt, schafft eine intensive Vorhöllenatmosphäre, ohne dass die Bilder bildungsbürgerlich beladen wirken. Die Texte kommen so durchdacht und durchfühlt, dass sie bei aller poetischen Fremdheit die Seelen aufreißen. Ganz unpathetisch erreicht das fabelhafte Bonner Ensemble archaische Wucht, diese Schicksale weisen über das Individuelle hinaus. Hier werden Menschheitsthemen verhandelt. Dabei führt das Vertrauen auf die Sprache nicht zu einem naiven Glauben an die Worte. Stets ist zu spüren, dass da noch mehr Verzweiflung, noch mehr Leiden ist, als selbst ein Sophokles in Worte fassen konnte. Ingo Berk inszeniert lange Pausen, in denen die Zuschauer ihre eigenen Bilder entwickeln können.“ Frankfurter Rundschau 30.12.2005

„Regisseur Ingo Berk imaginiert das Grauen, indem er die Schauspieler ganz natürlich reden läßt – jedes ihrer Worte kommt durchdacht, durchfühlt, durchlebt. Künstliche Distanz ist Berks Sache nicht – obgleich die „Trachinierinnen“ von Sophokles mehr als 2400 Jahre alt sind. Ingo Berk, Jahrgang 1975, gehört zu jenen der jüngeren Theatermacher, die auch aus komplizierten Texten spannende, von Zynismus oder modisch kokettierenden Spielereien freie Geschichten gewinnen. Berk will etwas erzählen. Und er will, keine Selbstverständlichkeit, genau verstanden werden. Auch wenn es um Schwieriges geht: beispielsweise um Menschen am Rande des Todes, um die verzweifelte Einsamkeit einer Ehefrau, ihre Demütigung und Gefühlsverwirrung, um die Verbindung von Erotik und Grauen, schließlich um den Versuch, unsagbares Leiden in Worte zu fassen. Die Schauspieler fesseln durch ihre präzis durchleuchtete Sprache, ein von innen heraus geführtes körperliches Spiel. Das gibt es nicht oft, daß ein junger Regisseur Triftiges zu sagen hat – durch die ohnehin nicht leicht zu meisternde griechische Tragödie. Geschickt stellt er seine Ausdrucksmittel in den Dienst des Stückes, arbeitet dessen Kern heraus. Den Namen Ingo Berk muß man sich merken.“ Die Welt 22.12.2005

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