HIOB von Joseph Roth

Sie sind Entbehrungen gewohnt, die russischen Juden des frühen 20. Jahrhunderts – Aussenseiter, arm und verachtet, fürchten sie Gewalt und Repressalien. Einer von ihnen ist Mendel Singer, ein Schullehrer, der mit dem Geld, das er verdient, kaum die Familie, seine Kinder Jonas, Schemarjah und Mirjam, ernähren kann. Und dann kommt Menuchim zur Welt, ein Krüppel und Epileptiker. Die Verzweiflung der Eltern ist gross, denn auch die Weissagung des Rabbis, Menuchim werde eines Tages gesunden, kann sie nicht trösten. Zudem bricht bereits neues Verhängnis über die Familie herein: die Söhne müssen zur Armee. Jonas geht mit Begeisterung, wittert die Chance, aus dem engen Leben auszubrechen; Schemarjah aber flieht nach Amerika und versucht sein Glück als Kaufmann. Als Mirjam sich mit Kosaken abzugeben beginnt, sehen die entsetzten Eltern keinen anderen Ausweg, als Menuchim zurückzulassen und die gefährdete Tochter ebenfalls nach Amerika zu bringen – doch die Weltgeschichte holt sie ein.

Der grosse österreichische Schriftsteller Joseph Roth entwirft mit der Figur des Mendel Singer einen Hiob des 20. Jahrhunderts: Ein gläubiger Mensch, der infolge der Prüfungen, denen er sich ausgesetzt sieht, an seinem Gott verzweifelt. Ein Mensch, für den es kein wahres Zuhause gibt; feindlich präsentiert sich ihm das Leben im heimischen Russland, als feindlich erweisen sich die Verheissungen Amerikas, die Mendel den letzten Rest seiner Identität zu rauben drohen. Am Ende bleibt ihm nur das Bewusstsein seiner Schuld: er hat Menuchim im Stich gelassen. Was bedeutet ihm auch noch Identität ? Der Sohn Schemarjah heisst jetzt Sam, in den alten Traditionen lebt niemand mehr … So erzählt Roth auch davon, was es heisst, ein entwurzelter Flüchtender zu sein, er erzählt von Verlust und Assimilation. Vor allem aber erzählt er eine berührende Familiengeschichte mit überraschend hoffnungsvollem Ende.

In einer Bearbeitung von Ingo Berk.

Bühne Damian Hitz, Kostüme Eva Krämer, Musik Patrik Zeller, Licht Hanspeter Liechti, Dramaturgie Stephanie Gräve

Mendel Singer Stéphane Maeder, Deborah Singer Milva Stark, Jonas/Mac Arne Lenk, Shemarjah David Berger, Mirjam Mariananda Schempp, Menuchim Lukas Hupfeld, Erzähler Jürg Wisbach

Premiere 19. September 2015 am Konzert Theater Bern

Fotos von Annette Boutellier

„Berks Umsetzung auf der Bühne erscheint vorerst unspektakulär, aber sie gewinnt dank ihrer Sorgfalt und Präzision an Überzeugungskraft, vor allem aber mit ihrem Mut zur Schlichtheit. Ohne jeden Aufwand übernehmen einzelne Ensemblemitglieder wechselnde Rollen; Stéphane Maeder jedoch bleibt, wer er ist: ein auch in seiner Gebrochenheit starker Mendel Singer. Die Musik von Patrik Zeller (Kontrabass, Klarinette und Akkordeon), die nicht wohlfeile Klezmer-Melodien einsetzt, trägt wesentlich zum Gelingen bei, indem sie eigenständig die Stimmung prägt. Am Ende streift den Zuschauer etwas, das er im Theater selten erlebt: ein Hauch andächtiger Ergriffenheit.“ (NZZ, 22.09.2015)

„Gelungener Saisonstart: Konzert Theater Bern bringt Joseph Roths Roman «Hiob» auf die Bühne. Die minimalistische und beklemmend aktuelle Inszenierung vermag zu packen. (…) Regisseur Ingo Berk bringt seine eigene Bearbeitung von Joseph Roths «Hiob» auf die Bühne. Berks Stück bleibt stets nahe an Roths Text und verdichtet gekonnt.(…) Eine Glanzleistung liefert das langjährige Ensemblemitglied Milva Stark in der Rolle der Mutter Deborah. (…) Berks minimalistische Inszenierung bleibt eindringlich bis zum Schluss. Dass Roths Stoff höchst aktuell ist, versteht sich von selbst. Gierige Schlepper, verzweifelte Migranten und Identitätskrisen («Bin ich noch Mendel Singer?») sind allgegenwärtig.“ (Berner Zeitung, 21.09.2015)

„Berk hat geschickt Roths Text verknappt, die Figuren leicht schematisiert – zu geschundenem Bodenpersonal, ausgeliefert den Stürmen der Weltgeschichte.(…) Dass der Reigen dieser typisierten Figuren funktioniert und nie aus seinem stimmigen Takt fällt, dazu trägt Jürg Wisbach viel in der Rolle des Erzählers bei. Mit nonchalanter Beiläufigkeit taucht er auf, verschwindet wieder und spielt ebenso unaufgeregt noch eine Reihe unterschiedlichster Nebenrollen. Wann die herbe Dramatik von Roths Stoff gedimmt werden muss, dafür hat Ingo Berk ein sehr feines Gespür.“ (Der Bund, 21.09.2015)

„Was die Bühne zur Darstellung bringt, setzt Inhalt und Duktus von Joseph Roths Roman meisterlich in die szenische Dimension um. Das zeigt sich schon in der Gestaltung der Sprache, in der sich das Geschehen entfaltet. Im Schauspiel ist ja der Regisseur sein eigener Komponist; und zur Partitur, die er in den Proben erarbeitet, gehören nicht nur Töne und Rhythmen, sondern auch Schweigen und Stille. Die Komposition von Ingo Berk, die Sprache, Musik, Raum, Licht und Handlung ins Spiel bringt, zeichnet sich aus durch eine imponierende Treue gegenüber dem Romantext und durch ein „fast unmerklich Hinzutretendes“, ein „Leisestes, ein Fingerheben vielleicht, ein fragender Blick“. Die Grösse dieser Inszenierung liegt damit in ihrer Unauffälligkeit und Zurückhaltung. Ingo Berk führt seine Schauspieler „wissend … aber so, ‚als täte er nicht“. Damit hat die Produktion alle Zeichen einer grossen, gelassenen Selbstverständlichkeit.“ (Stimme der Kritik, 21.09.2015).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.