NORA von Henrik Ibsen

Heile Welt bei den Helmers: Ehemann Torvald wurde zum Bankdirektor befördert. Nach Jahren der Bescheidenheit und des Sparens sieht man einem Leben in Wohlstand entgegen. Dass auf dem Weg zu seinem Aufstieg Köpfe rollen müssen, nimmt Torvald gelassen; den verachteten Krogstad, der sich einst eines Betrugs schuldig gemacht hat und im Gefängnis war, soll die Kündigung treffen. Doch Krogstad kämpft um seine Chance zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Er hat ein Druckmittel, von dem Torvald nichts ahnt: Seine Ehefrau Nora, die er für ein naives Kind hält und so behandelt, hat ein dunkles Geheimnis – und Krogstad weiß darum. Er droht, sie auffliegen zu lassen und ihr Eheglück zu zerstören. Nora schwankt zwischen Angst und Hoffnung; sie fürchtet einerseits die Entdeckung, sehnt aber auch das große Liebeszeichen von Torvald herbei, sehnt sich danach, dass er sie in ihrem ganzen Wesen erkennt und sich schützend vor sie stellt. Dass sie aus dem goldenen Käfig entlassen wird und eine echte Ehe führen kann. Am Ende bleibt für Nora nur Resignation oder Flucht, während Krogstad und seine frühere Liebe einen neuen, besseren Weg finden – und Hausfreund Dr. Rank den ultimativen Ausweg.

Mit scharfem Seziermesser legt Henrik Ibsen in seiner «Nora» die Widersprüche und Lügen einer bürgerlichen Existenz frei. Er zeigt eine Ehe, in der sich die Partner im Grunde ihres Herzens fremd sind; einen (männlichen) Liebesbegriff, der mehr mit Besitz zu tun hat; eine (weibliche) Verblendung und Bereitschaft, die Kindheitsrolle des Prinzesschens auf ewig weiter zu leben. Vor allem aber zeigt er die verkommenen Werte eines bigotten Bürgertums: Es gibt nur den öffentlichen Makel; der, den niemand sieht, ist auch keiner.

Bühne Damian Hitz, Kostüme Eva Krämer, Musik Patrik Zeller, Licht Christian Aufderstroth, Dramaturgie Kristina Wydra

Torvald Helmer Arne Lenk, Nora Helmer Sophie Melbinger, Kristine Linde Zoe Hutmacher, Doktor Niels Rank David Berger, Lars Krogstad Jonathan Loosli

Premiere 12. März 2016 am Konzert Theater Bern

Fotos von Annette Boutellier

„Die minimalistische Inszenierung von Henrik Ibsens Drama begeistert mit starken Darstellern und einem Bühnenbild von beklemmender Schönheit. (…) Ingo Berks Inszenierung ist ästhetisch und akustisch ein Genuss. (…) Elegant überführt die Regie das Paar Torvald Helmer und Nora in die Zeitlosigkeit.“ (Berner Zeitung, 14.03.2016)

„Regisseur Ingo Berk zeigt Ibsens wohl bekanntestes Theaterstück als kühle Studie über Ängste und Zwänge – und die leisen Wonnen der Befreiung. (…) Wie sich alle fünf unangenehmen oder überraschenden Wahrheiten stellen müssen, führt Berk in seiner schlichten Versuchsanlage ganz ohne Schnörkel vor. Ohne Pathos werden mit sparsamen Gesten Grenzen überschritten, Fesseln abgestreift und Konventionen gebrochen. (…) In diesem unterkühlten Ambiente, für das der Berner Musiker Patrik Zeller einen finsteren Soundtrack liefert, brodeln die Gefühle umso heftiger. Nur selten lässt Berk sie allerdings ausbrechen, und er verzichtet auch auf jegliche Karikierung der Figuren. Nicht einmal Torvald, dieser biedere Macho, wird ins Lächerliche gezogen. Der Regisseur schürft vielmehr seine Gefährlichkeit frei, macht ihn im Käfig kurz zum brutalen Dompteur, dem fast alle Mittel recht sind, um den Ausbruch seines geliebten Geschöpfs zu verhindern.“ (Der Bund, 14.03.2016)

„Nora Helmer ist in dem fesselnden Spiel um Abhängigkeiten und gesellschaftliche Rollenzuschreibungen keine Kindfrau, die naiv in die Schuldenfalle tappt, sondern, von Sophie Melbinger eindrucksvoll interpretiert, die sanfte Idealgattin, die dem Mann den Rücken freihält und es klaglos erträgt, von ihm als Püppchen gesehen zu werden. Arne Lenk spielt den Helmer unheimlich überzeugend als selbstgefälligen Karrieristen, der glaubt, die Welt und die Frauen durch und durch zu kennen, der sich aber eigentlich nur für sich selbst interessiert. (…) Zoe Hutmacher als lebensnahe, warmherzige Freundin Kristine Linde und David Berger als wunderbar tapsiger, unglücklich in Nora verliebter Doktor Rank, komplettieren das facettenreiche Spiel um Ehrgeiz, Konkurrenzneid und Unterdrückung. Besondere Bedeutung kommt dabei Krogstad zu. In seiner Angst, seine Stelle zu verlieren und damit auch sein Ansehen in der bürgerlichen Gesellschaft, schwankt er, von Jonathan Loosli hervorragend gespielt, zwischen verzweifelter Unterwürfigkeit und brutalem Hochmut.“ (Bieler Tagblatt, 14.03.2016)

„Eine Aufführung der Spitzenklasse. Bühnenbild, Beleuchtung und Regie stehen sogar noch eine
Stufe darüber, streifen also, wie man zu Ibsens Zeit gesagt hätte, ans Geniale. Das Produktionsteam bürstet den wohlreputierten, altbackenen Klassiker des bügerlichen Emanzipationstheaters sachte, aber konsequent gegen den Strich und biegt ihn auf diese Weise ebenso sachte, aber konsequent wieder gerade. Das Ergebnis ist ein zeitgemässes Kammerspiel von einmaliger Spannung, Überzeugungskraft und Dichte.“
 (Stimme der Kritik, 13.03.2016).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.