SCHATTEN EINES JUNGEN von Arne Lygre

Schon als Teenager hat Tom beide Eltern verloren. Anna, die beste Freundin seiner Mutter, tritt an ihre Stelle und kümmert sich um ihn. Für sie, die sich immer ein Kind gewünscht hat, geht ein Lebenstraum in Erfüllung. Allerdings überschüttet sie Tom mit einem Übermaß an Liebe, bindet ihn immer stärker an sich und bewirkt so, dass Tom den normalen Abnabelungsprozess, den ein Teenager durchläuft, nicht erfährt. Der heranwachsende Tom wird seltsam passiv, hat kaum Freunde und seine wenigen Versuche, eine Freundin zu finden, scheitern. In Annas Liebe ertrinken alle seine Versuche, sich von ihr zu emanzipieren. Und so werden die beiden schließlich ein Paar und zeugen einen Sohn. Doch kurz nach dessen Geburt stirbt Anna. Eine Nachbarin nimmt sich seiner an …
Arne Lygre ist eine feinfühlige Studie über die Abgründe einer grenzenlosen Liebe gelungen. In der Tradition seines großen Landsmannes Henrik Ibsen leuchtet er die Tiefen der menschlichen Seele aus und bedient sich dabei eines ungewöhnlichen formalen Mittels: Das Stück erzählt zwei Zeitachsen – die eine reicht in die Vergangenheit, die andere in die Zukunft – gleichzeitig. So setzt sich für den Zuschauer aus zahlreichen Fragmenten langsam die Geschichte von Tom und seiner Familie zusammen, entschlüsselten sich Wurzeln von Toms seltsamer Beziehung zu Anne.

Bühne und Kostüme Damian Hitz, Musik Patrik Zeller, Dramaturgie Sara Örtel

Tom Marius Ahrendt, Anna Andrea Strube, Mama Gitte Reppin, Papa Benjamin Kempf, Nachbarin Angelika Fornell

Deutschsprachige Erstaufführung 6. April 2018 am Deutschen Theater Göttingen

Fotos von Thomas Müller

„In <Schatten eines Jungen> erzählt Arne Lygre die Geschichte einer dysfunktionalen Familie. Geschickt setzt der norwegische Dramatiker dabei Sprünge durch Zeit und Raum ein. Den starken Text hat Ingo Berk am Deutschen Theater Göttingen präzise inszeniert. (…) Regisseur Ingo Berk hält das kluge Stück gedanklich in der Schwebe. Mehr „action“ wäre ja möglich: bei der Reise nach Ägypten, in der Verführung und danach … aber so etwas wäre sicher extrem unnorwegisch. Einen Dramatiker lässt uns Berks Göttinger Team kennenlernen, der in der Tat alle Aufmerksamkeit der Theaterwelt verdient hat. Lauter beschädigte Leben zeigt er. Und Anna, diese Wiedergängerin von Mutter John, kann auch im Weltall keine Erfüllung finden.“ (Michael Laages, Deutschlandradio Kultur, 06.04.2018)

„Ingo Berk, Regisseur der deutschen Erstaufführung, nimmt Lygres nun einsetzendes Spiel aus Vor- und Rückblenden sehr ernst: mit projizierten Jahreszahlen auf dem Bühnenbild von Damian Hitz. Der 14. Schicksalsgeburtstag findet 2032 statt; Tom ist also 2018, in unserer Gegenwart, geboren worden – ein Kind unserer Zeit. Bis 2038 (da ist er 20, und das Drama um die Mutter-Geliebte Anna führt in die finale Katastrophe) schreitet die Fabel voran. Parallel führen die Szenen Schritt für Schritt zurück: bis Tom 2019 ein Jahr alt ist; und noch weiter zurück gedacht, rumort er noch im Bauch der von Schmerz genervten Mutter, die nicht richtig lieben kann. Dieses Hin und Her auf dem Zeitpfeil fordert sehr viel Präzision in Spiel und Regie; und volle Konzentration vom Publikum. Ingo Berks „Schatten eines Jungen“ ist herausforderndes, anstrengendes Theater – gut so.“ (Michael Laages, Nachtkritik, 07.04.2018)

„Lygre spielt virtuos mit den Zeitebenen der Handlung, was sowohl die Regie als auch den Zuschauer herausfordert. Das artifiziell Stilisierte bei Lygre übersetzt Regisseur Ingo Berk in eine ebenfalls stilisierte, bisweilen sogar ritualisierte Bühnensprache. Auswege gibt es in diesem Geflecht von Beziehungen nicht, alle sind tragisch ineinander verstrickt. Marius Ahrendt differenziert die unterschiedlichen Altersstufen Toms vom Kleinkind bis zum herangewachsenen jungen Mann mit feinen darstellerischen Mitteln. Die großartige Andrea Strube (Anna) spricht immer ein klein wenig zu schnell, ein wenig abgehackt, sie verdeutlicht damit perfekt den Zustand des ständigen Getriebenseins. (…) Das Premierenpublikum lauschte und schaute gebannt.“ (Michael Schäfer, Göttinger Tageblatt, 07.04.2018)

Im Bühnenbild von Damian Hiltz wird die Beziehungshölle zu einer futuristischen Enklave mit funktionalem Design, die an eine Raumkapsel denken lässt. (…) Und so hat Regisseur Ingo Berk Lygres Familienalpträume und ihre Verwerfungen in die Zukunft verlegt und Toms Geburt in das Jahre 2018. Er erzählt das Stück als schaurige Vision vom Zusammenleben in einer Gesellschaft von Einzelkämpfern, die in einem Labyrinth von Sehnsüchten und Bedürfnissen nicht nur sich verloren haben sondern auch das Vertrauen in ein Miteinander der bereichernden Freiräume. Was seine Inszenierung so berührend und beklemmend macht sind die vielen vertrauten Reaktionsmuster, die sich bis zu Toms Flucht auf den Mond so unerbittlich zuspitzen. (…) Die Visionen, die dieser Theaterabend klarsichtig und einfühlsam herauf beschwört, geben keinen Anlass zu optimistischen Spekulationen. Doch sie verstehen sich auch als Aufforderung über den Verlust an Empathie nachzudenken, der Lygres Figuren erst in die Einsamkeit getrieben hat.“ (Tina Fibiger, Kulturbüro Göttingen, 08.04.2018)

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